- Belize: Anachronistische Erlebnisse in einem fröhlichen Land - © Volker Mehnert, Juli 2000In Belize City scheinen die Menschen immer gut gelaunt. Auf den Straßenherrscht eine beinahe ausgelassene Stimmung, auch Fremde werden freundlich und ohne kommerzielle Hintergedanken gegrüßt, und plötzlich bekommt man sogar irgendwo einen gutmütigen Klaps auf die Schulter oder schüttelt die Hand eines unbekannten Passanten. Im Zentrum sind die besten Grundstücke nicht mit Banken, sondern mit Schulen belegt, wo man durch die offenen Fenster der Klassenzimmer einen vergnügten Unterricht beobachten kann. Cafés und die anderswo üblichen Touristentreffs gibt es nicht, auch die internationalen Fast-Food-Ketten haben noch nicht Fuß gefasst. Stattdessen besucht man ein schlichtes Restaurant, in dem fast jeder das Nationalgericht aus Reis und Bohnen bestellt. Auf siebzig Jahre alten Fotos, die an der Wand hängen, sieht die Stadt beinahe genauso aus wie heute, nur die Fahrzeuge und die Mode haben sich geändert. Bei Einbruch der Dunkelheit tauchen dann leichte Mädchen, kleine Gauner und zwielichtige Gestalten in den Straßen auf und machen Belize City endgültig zu einer verspäteten Kopie der berühmten Hafenviertel von St. Pauli bis Shanghai, wie sie in der großen Zeit der Christlichen Seefahrt existierten. "Unsere Stadt ist attraktiv und herausgeputzt wie eine Hure am Samstag Abend", schrieb eine Lokalzeitung treffend. In der einzigen Großstadt Belizes kulminiert der unzeitgemäße Charakter des ganzen Landes. Die verwitterten Holzgebäude waren einst weiß, andere hatten leuchtende Farben, aber heute sind nur noch schwache Schimmer davon zu erkennen. Türen und Fensterläden sind schief, auf den Veranden stehen uralte Schaukelstühle, daneben baumeln Hängematten, und auf den Balkons hängt die Wäsche zum Trocknen. Über den Straßen, dem Fluss und den schmutzigen Kanälen, die den sumpfigen Untergrund entwässern, schwebt die träge Schwüle der Tropen. Angeblich haben Piraten und Holzfäller die Stadt einst auf einem Fundament von Mahagonispänen und leeren Rumflaschen im moskitoverseuchten Mangrovengürtel errichtet, und wer die Atmosphäre erlebt, ist sofort bereit, dieser Geschichte Glauben zu schenken. Reiseführer, die hier die üblichen Sehenswürdigkeiten vermissen und von einer "Stadt zum Wegfahren" sprechen, haben das Wesentliche übersehen: Zwischen den verrotteten Kolonialfassaden breitet sich die ganze Herzlichkeit eines frohgemuten Volkes aus. Die Zeit vergeht anderswo, hier nicht. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang mögen eine Rolle spielen im Leben der Menschen; Stunden, Minuten oder gar Sekunden aber haben keinerlei Bedeutung. Sogar Jahre und Jahrzehnte sind fast spurlos an Belize vorübergegangen, das Land ist noch lange nicht in der globalen Gegenwart angekommen. Es erscheint eher wie eine perfekte Kulisse für die Verfilmung eines Romans von Joseph Conrad. Eingeklemmt zwischen Mexiko, Guatemala und der Karibischen See, kaum größer als Hessen und mit der Einwohnerzahl von Wies baden, ist Belize ein mittelamerikanischer Anachronismus, der sich der gleichmacherischen Moderne bislang entzogen hat. Nicht einmal der Tourismus konnte hier richtig Fuß fassen: Insgesamt gibt es nur viertausend Gästebetten, weniger als in einem einzigen großen Hotel in Las Vegas. "Ich kenne keine Reise von einem Ort zum anderen, die durch Belize führen würde", schrieb Aldous Huxley, der das Land 1933 besuchte. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Besucher, die trotzdem kommen, ignorieren in der Regel das eigentliche Belize: Sie interessieren sich stattdessen für die Unterwasserwelt am vorgelagerten Barrier Reef, einem dreihundert Kilometer langen Korallenriff, das zu den schönsten Tauch- und Schnorchelrevieren der Welt gehört. Auf der Suche nach bizarren Korallengärten und exotischen Fischen verpassen sie allerdings ein einzigartiges menschliches Biotop, denn die Jahrhunderte haben ein seltsames Konglomerat von Menschen und Kulturen an Belizes tropische Küste gespült. Afrika und Mittelamerika, Europa und die Karibik haben ihre Spuren hinterlassen: Britisches mischt sich mit Hispanischem, die ursprünglich ansässige Mayakultur mit afrikanischen Riten und Rhythmen, Kreolisches wird bereichert durch Einflüsse aus Mexiko und den mittelamerikanischen Nachbarländern. Auf ihrer jahrhundertlangen Suche nach immer neuen Heimaten haben auch viele Mennoniten hier einen Zufluchtsort gefunden, ebenso wie die Garifuna, ein kleines Volk, das von karibischen Indianern und entlaufenen afrikanischen Sklaven abstammt und dessen Odyssee im siebzehnten Jahrhundert auf der Karibikinsel St. Vincent begann und über Honduras nach Belize führte. In den Worten Charles Darwins war dieser Teil der Karibikküste eigentlich ausersehen als "üppiges Gewächshaus, das die Natur für sich selbst geschaffen hat", ein Niemandsland, an dem die großen Eroberungszüge der Spanier vorbeiliefen und das auch die anderen Kolonialmächte nicht beanspruchten, weil dort kaum Reichtümer zu holen und keine strategischen Positionen zu besetzen waren. Aus diesem Grund wurde Belize ein Rückzugsgebiet für Verfolgte und Gesetzlose, für Außenseiter, Opfer und Überlebende, die sich in kleinen Gemeinschaften zusammenfanden und auch von den britischen Behörden, die am Ende doch ein Jahrhundert lang das Land als Kolonie British Honduras verwalteten, kaum behelligt wurden. Sogar die afrikanischen Sklaven genossen damals Rechte, die anderswo unerhört waren. Berichte aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert sprechen von einer Fünftagewoche und zahlreichen Möglichkeiten, die Freiheit zu erlangen. Der entspannte Umgang zwischen den verschiedenen Rassen und Bevölkerungsgruppen setzte den amerikanischen Maya-Forscher John Stephens bei seinem Besuch 1839 in höchstes Erstaunen: Er wusste nicht, ob er "schockiert oder amüsiert" sein sollte. Ähnliche Schwierigkeiten mit der karibischen Freizügigkeit hatten zahlreiche Südstaatler, die nach ihrer Niederlage im amerikanischen Bürgerkrieg nach Belize auswanderten und dort vergeblich versuchten, die gesellschaftlichen Strukturen des "Old South" neu aufzubauen. Am Busbahnhof in der mexikanischen Grenzstadt Chetumal beginnt bereits diese andere, aus der modernen Zeit und der lateinamerikanischen Umgebung herausfallende Welt. Vor dem Terminal wartet ein klappriger Bus, der wahrscheinlich schon Generationen nordamerikanischer Schüler befördert hat und nun den Transport zwischen Mexiko und Belize erledigt. In diesem ratternden Vorposten eines zauberhaft chaotischen Landes hört man bereits Karibikrhythmen, die Hautfarbe der Menschen ist dunkler, Geldwechsler bieten Belizedollars für mexikanische Pesos, und die Gepäckablagen sind überfüllt mit Waren und Schmuggelgut für den kleinen Grenzverkehr. Nur wenige Kilometer südlich von Chetumal hält der Bus an der Grenzstation, die lediglich aus einer improvisierten Bretterbude für die Beamten von Immigration und Zoll besteht. Kein Ventilator bewegt die schwüle Luft, aber immerhin stehen die Reisenden, die mitsamt Gepäck den Bus verlassen müssen, im Schatten. Die Kontrollen verlaufen freundlich und unkompliziert, von kleinlicher Bürokratie, sonst oft eine typische Begleiterscheinung entlegener Grenzstationen, ist hier nichts zu spüren. Die verwegen aussehenden Gestalten, die als Beruf "gold miner" angeben, werden ebenso gut gelaunt abgefertigt wie zwei nordamerikanische Rucksackreisende und die Einheimischen, die hier Tag für Tag einen bescheidenen Schmuggelbetrieb aufrecht erhalten. Auch die verschlissene Flagge Belizes, die vor dem Gebäude weht, versucht vergeblich, dem Grenzposten einen hoheitlich-seriösen Charakter zu verleihen. Im Umkreis stehen ein paar Buden, halbfertige Häuser, Lastwagenanhänger und Paletten, die hier aus irgendwelchen Gründen zurückgeblieben sind. Nicht ein einziger Baum bietet Schutz vor der glühenden Sonne, und der Wind weht den Staub von einem Land ins andere. Man kauft noch schnell ein Erfrischungsgetränk, das aus einem Plastikeimer geschöpft wird, dann geht die Fahrt weiter auf dem Northern Highway, der von der mexikanischen Grenze nach Belize City führt und eine von lediglich drei asphaltierten Fernstraßen im ganzen Land ist. Lange Zeit gab es nicht das geringste Interesse an der Gründung einer Siedlung an der Küste Belizes. Wer heute mit einem der kleinen Propellerflugzeuge von Tropic Air die Küste abfliegt, versteht warum: Unten breitet sich immer noch eine unzugängliche Landschaft aus: Die ausgefransten Uferlinien sind fast vollständig bedeckt von Mangrovensümpfen, bis weit ins Landesinnere sieht man kein einziges Haus. Inseln, Halbinseln, Untiefen und Riffe erschweren die Annäherung vom Meer her, nur hin und wieder gibt es eine schmale Flussmündung oder einen kleinen Sandstrand. Noch während der Kolonialzeit verlor Belize City seinen Status als Hauptstadt von British Honduras. Nach zwei verheerenden Naturkatastrophen setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Stadt eigentlich gar nicht hätte gebaut werden dürfen und der Regierungssitz wurde nach Belmopan verlegt. Belize City liegt nämlich mitten auf einem bevorzugten "Highway" karibischer Hurrikane. 1931 starben in einem Wirbelsturm zehn Prozent der Einwohner, weil sie sich trotz Warnungen auf den trügerischen Schutz des Riffs verlassen hatten. Noch schlimmer kam es 1961, als der Hurrikan Hattie über die Stadt zog, ganze Viertel förmlich aus den Angeln hob und durch die Luft wirbelte. Die Überlebenden sprachen von einem "Erdbeben mitten in einem Orkan". Als der Hurrikan Mitch im Herbst 1998 Richtung Mittelamerika zog, sahen ihn Meteorologen ursprünglich direkt auf Belize City zulaufen. Der Sturm drehte im letzten Moment ab und verwüstete Honduras, Nicaragua und El Salvador, von Belize City hätte er nur Kleinholz übrig gelassen. Die Stadt war der totalen Zerstörung vorläufig noch einmal entkommen, aber das Verhängnis ist langfristig unausweichlich. Irgendwann wird ein Hurrikan die altersschwache Bretterstadt abreißen. Jeder weiß, was passieren wird, und investiert deshalb nur das Nötigste in die morschen Holzhäuser. Nach dem Sturm aber wird eine radikale Modernisierung einsetzen, die das Bild der Stadt vollkommen verändern dürfte. Einen Vorgeschmack darauf bietet schon jetzt das hurrikansichere Gebäude der Zentralbank: ein schauderhafter Betonbunker auf riesigen Sockeln mit winzigen Fensterschlitzen, der wie eine Festung in der Nähe des Hafens steht. Wer Belize City in seinem kolonial-verlotterten Charme erleben will, sollte sich also beeilen, die Stadt ist ihr eigenes Freilichtmuseum auf Zeit. Westlich der Stadt kreuzen sich der Western Highway, der nach Guatemala führt, und der Hummingbird Highway, der den Süden des Landes erschließt. Plantagen gehen über in Savanne, dann beginnt der Bergurwald. Schotterpisten werden zu Feldwegen, Feldwege zu Dschungelpfaden, und dann endet irgendwann auch der letzte Fußweg. Die Maya Mountains an der Grenze zu Guatemala sind weitgehend terra incognita, viele Gebiete wurden wahrscheinlich seit tausend Jahren von keinem Menschen betreten. Hier ist das Reich des Jaguars, der in Belize eines seiner letzten Rückzugsgebiete gefunden hat. Das Cockscomb Basin Wildlife Sanctuary, ein fünfzigtausend Hektar großes Schutzgebiet, ist das einzige Jaguarreservat der Welt. "Gott schuf den Menschen, weil der Jaguar schon existierte", erzählt respektvoll eine Mayalegende, und im traditionellen Siedlungsgebiet der Mayas bringt man dem gefleckten Dschungelraubtier weiterhin Respekt entgegen, indem man es vor den Gewehren begehrlicher Großwildjäger schützt. Das Jaguarreservat ist inzwischen das zugkräftigste Aushängeschild für die Naturparks von Belize, die mehr als ein Fünftel der Landesfläche einnehmen. Sie sind die Zentren für einen von staatlicher Seite propagierten und geförderten Ökotourismus, der Devisen ins Land bringen, aber gleichzeitig für den Erhalt des Regenwaldes sorgen soll, der in den Nachbarländern schon stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die wenigen Touristen, die sich bisher von den Korallenriffen vor der Küste ablenken lassen und in die Berge Belizes begeben, können auch dort in eine eigentümliche Unterwelt eintauchen. An vielen Stellen öffnen sich Löcher in der Erde, die in ein Höhlensystem führen, das vom Regenwasser in den porösen Stein gegraben wurde und große Teile des Landes untertunnelt. Auf unterirdischen Flüssen kann man die Höhlen mit Schlauchbooten erkunden, manchmal stundenlang und manchmal, mit dem richtigen Führer, kommt man an einer anderen Stelle, kilometerweit vom Ausgangspunkt entfernt, wieder ans Tageslicht. Aber in den meisten Fällen endet die unterirdische Welt irgendwo an der Grenze zu Guatemala oder im dunklen Nichts. In Belize wird auch die Ausgrabung und Restaurierung der Mayastätten behutsam und ohne kurzfristige kommerzielle Absichten vorangetrieben. Anders als in den namhaften Mayazentren Mexikos nimmt man hier keinen konsequenten "Wiederaufbau" vor, der sich oft genug als historisch fragwürdig erwiesen hat, sondern belässt die meisten Bauwerke im vorgefundenen Zustand und rekonstruiert lediglich die Grundstrukturen einer kleinen Anzahl von Pyramiden und Tempeln. So entstanden in den Ruinenanlagen von Lamanai, Altun Ha, Xunantunich und Lubaantun geheimnisvoll anmutende Kompositionen aus Überresten weitläufiger Zeremonialzentren und fast unberührter Natur. Eine weitgehende Rekonstruktion der Mayastätten in Belize wäre sowieso illusorisch. Noch Hunderte von ihnen liegen im Urwald versteckt, denn hier befand sich einst das Kernland der Mayazivilisation, in dem während der Blütezeit zwischen 300 und 900 n. Chr. achthunderttausend Menschen lebten. Caracol, die mit zweihunderttausend Einwohnern größte Stadt, unterwarf im Jahre 562 sogar das mächtige und heute weitaus bekanntere Tikal. Die Kultur brach, wie überall in Mesoamerika, um 900 n. Chr. zusammen. Die Menschen verließen die großen Siedlungs- und Zeremonialzentren, aus Maisfeldern wurde wieder Regenwald, die Gebäude überwucherten und verschwanden im Dschungel. Belizes politische und kulturelle Überlegenheit auf dem amerikanischen Kontinent endete damals abrupt und auf Dauer, mit seiner bescheidenen Statistenrolle in der heutigen Welt ist das Land jedoch durchaus nicht unzufrieden. Anreise: American Airlines und Continental Airlines fliegen mehrmals pro Woche von Miami, Houston oder Dallas nach Belize City. Auf dem Landweg reist man über Chetumal/Mexiko oder Flores/Guatemala nach Belize. Formalitäten: Deutsche Staatsbürger benötigen für die Einreise kein Visum. Erforderlich ist ein noch sechs Monate gültiger Reisepass. Reisen im Land: Es bestehen regelmäßige, wegen des uralten Fuhrparks und der schlechten Straßenverhältnisse jedoch zeitraubende Busverbindungen zwischen Belize City und den kleineren Siedlungen des Landes. Auf einer Nord-Süd-Route von Corozal über San Pedro, Belize City, Dangriga und Placencia nach Punta Gorda verkehren Propellerflugzeuge von Tropic Air. Klima: Von Juni bis Oktober herrscht Regenzeit, die vor allem in den südlichen Landesteilen gewaltige Niederschlagsmengen und Überschwemmungen bringt. In den Winter- und Frühjahrsmonaten ist das Reisen durch Belize deshalb angenehmer. Maya-Ruinen: Von Belize City aus leicht zugänglich sind die gut restaurierten Pyramiden von Altun Ha und Lamanai. Caracol, Belizes größte Mayastätte, liegt schwer erreichbar im Regenwald an der westlichen Grenze zu Guatemala, dort finden immer noch Ausgrabungen statt. Besonders schön ist Lubaantun am südlichen Ende des Southern Highway, wo Archäologen Teile eines Zeremonialzentrums freigelegt haben, ohne den verwunschenen Urwaldcharakter der Anlage zu stören. Naturparks: Bekannt wegen seiner großen Jaguarpopulation ist Cockscomb Basin Wildlife Sanctuary westlich des Southern Highway zwischen Dangriga und Punta Gorda. Im Community Baboon Sanctuary am Belize River haben sich die dort ansässigen Kleinbauern verpflichtet, den natürlichen Lebensraum der schwarzen Brüllaffen zu bewahren. Flüsse, Lagunen und Sümpfe im Crooked Tree Wildlife Sanctuary westlich des Northern Highway sind die Heimat Hunderter von Vogelarten. Tauchen und Schnorcheln: Die Korallenriffe des Barrier Reef erkundet man am besten von den beiden Inseln Caye Caulker oder Ambergris Caye aus, wo es eine gute Infrastruktur für den Unterwassersport gibt. Information: Verlässliche Auskünfte, auch auf Deutsch, erhält man von International Belize Tourism Marketing, E-mail ibtm@btl.net - URL: www.belizenet.de © Dr. Volker Mehnert - Danke schön! |
http://www.ferien.li / belize / kontakt / artikel01.htm |